Organtransplantationen

Wie können wir mehr Menschenleben retten?

Text: Dominik Brülisauer

Grundsätzlich geben wir Dinge, die wir nicht mehr brauchen, gerne weiter – schliesslich sind wir ja soziale Wesen und wissen: What goes around, comes around. Nehmen wir das Beispiel Bücher. Kein Mensch auf der Welt liest einen Arztroman wie Noah Gordons «Der Medicus» oder Boris Pasternaks «Doktor Schiwago» ein zweites Mal, schliesslich dauert die Lektüre dieser Bücher bereits länger als ein Medizinstudium. Nach dem Lesen verschenken wir sie. Wir bewahren höchstens die Bücher für den Rest der Zeit im Trophäenschrank namens Bücherregal auf, die uns intellektuell herausgefordert haben. Von dort aus beeindrucken sie Gäste und bilden eine hervorragende Kulisse, falls mal Richard David Precht einen Hausbesuch macht um vor laufender Kamera einen moralphilosophischen Diskurs zu Fragen wie «Wem gehört was?», «Was bin ich der Gesellschaft schuldig?» oder «Wer bin ich – und wenn ja wie bescheuert darf ich sein?» zu starten.

Unter dem Motto «Karbon für Kobalt» verschenken wir Europäer auch unsere alten Fahrräder nach Afrika und nehmen im Gegenzug höchstens ein paar Rohstoffe für unsere Autoindustrie entgegen. So bleiben alle mobil und die Welt im Gleichgewicht. Allgemein kann man sagen, dass wir uns gerne von Sachen trennen, für die wir keine Verwendung mehr finden. Pamela Anderson macht das alle zwei Wochen mit ihren Ehemännern.

Beim Thema Organtransplantation sieht das alles leider ein wenig anders aus. Es gibt überraschend viele Leute, die nach ihrem Ableben ihre funktionstüchtigen Organe unbedingt mit ins Grab nehmen wollen. Sie spenden sie lieber den Würmern als Menschen, die sie unbedingt brauchen. Für mich absolut unverständlich. Solche Leute sorgen zu Lebzeiten bestimmt auch dafür, dass man ihre abgeschnittenen Haare, gezogenen Zähne oder abgeknipsten Fingernägel subito verbrennt und die Asche in einen Fluss leert, bevor noch jemand auf die Idee kommt, diese als Zahnpasta, Scheuermittel oder Dünger zu verwenden.

Wahrscheinlich würden sich diese Menschen am liebsten noch mit ihrem ganzen restlichen Besitz verscharren lassen – mit ihrem Smartphone, ihrem gesamten Haushaltgerät, ihrem SUV, ihrem Hund und mit ihren Ehefrauen, so wie das in vorkolonialer Zeit noch in Indien der Fall war. Menschen, die ihre Organe nicht spenden wollen, die teilen auch nicht ihr WLAN-Passwort mit ihren Mitbewohnern und überdecken mit Tipp-Ex sämtlichen Text in ihren Zeitungen, bevor sie diese ins Altpapier geben – wer weiss, wer sie sonst noch gratis lesen möchte? Diese Art von Menschen vergiften auch ihre Essensabfälle, damit kein Penner auf die Idee kommt, sich an ihrem Container zu verköstigen, und selbstverständlich verraten sie niemandem die aktuelle Uhrzeit oder einem Touristen den Weg zum Bahnhof – schliesslich wollen sie nicht mal Informationen weitergeben. Und garantiert teilen diese Subjekte auch keinen Content auf Instagram. Übrigens: Leute, die auf Instagram rumlümmeln, selbst aber nie ein Foto raufladen, sind wie die Leute, die sich in Badehosen in die Sauna setzen – auch sie wollen sich nur umsehen aber selbst nichts zeigen.

Ich persönlich würde mich freuen, wenn meine partygehärtete Leber nach meinem Abgang noch ein paar friedliche Wellness-Jahre in einem Körper einer abstinenten Person verbringen darf, meine Augen noch ein paar andere Sachen zu sehen bekommen als nur meinen Computerbildschirm, oder mein Penis nach all den Jahren des Rumhängens mal mit einer sexuell aktiven Person unterwegs sein darf. Und ich möchte, dass nicht nur meine Organe ein neues Leben finden, nein, auch mein Schädel soll zu einem Aschenbecher werden und meine Rippen ein Xylophon für eine Musikschule in der dritten Welt. Jawohl, von mir soll alles weiterverwendet werden – Nose to Tail. So wie es sich für jemanden aus dem  Land der Recycling-Weltmeister gehört.

Trauriger Fakt ist, dass in der Schweiz rund 1500 Menschen auf ein Organ warten. Das ist ungefähr die Anzahl Menschen, die von Arena-Moderator Sandro Brotz pro Sendung in unerträglichem Schulmeisterton gemassregelt werden – also eine verdammt grosse Zahl. Jedes Jahr sterben bei uns rund 70‘000 Menschen, aber nur rund 450 Menschen erhalten ein Organ. Das ist ein traurigeres Missverhältnis als das zwischen der Anzahl Bücher, die ich geschrieben habe, und der Anzahl, die ich bereits verkauft habe.

Organtransplantation ist ein Thema, das die Gemüter von einfach gestrickten Menschen mehr erhitzt als Will Smiths rechte Handfläche Chris Rocks linke Wange. Das ist für mich vollkommen unverständlich, schliesslich kennen wir Organtransplantationen schon seit über 2500 Jahren, als indische Heiler erstmals verstümmelte Nasen und Ohren mittels Hautransplantationen ästhetisch wieder hinbiegen konnten. Ein paar weitere Highlights der Organtransplantationsgeschichte: Der Schweizer Chirurg Theodor Kocher transplantierte 1883 einem Patienten Schilddrüsengewebe unter die Haut des Halses. 1954 wurde zum ersten Mal eine Niere transplantiert, 1963 die erste Lunge, 1967 das erste Herz. Die nächste Herausforderung wird sein, zwecks Intelligenzsteigerung ein Mückenhirn in den Schädel eines Putinverstehers transplantieren.

Mittlerweile wechseln weltweit jedes Jahr rund 100‘000 Organe ihre Adresse. Im Erfolgsfall, das heisst, wenn das entsprechende Organ vom Körper des Empfängers angenommen wird, werden dabei bei der empfangenden Person Lebensqualität gesteigert und Lebensjahre verlängert. Die Leute, die bei voller Gesundheit und in der Blüte ihres Lebens freiwillig ein Organ spenden, um das Leben einer geliebten Person zu verbessern, denen gehört mein grösster Respekt – noch grösseren Respekt habe ich vor denen, die Organe spenden, um vollkommen fremde Leute zu retten oder sogar solche, die sie zwar kennen, aber nicht mögen. Aber so selbstlose Menschen gibt es wohl weniger als Frauen, die bei ihrer Hochzeit nicht schwanger sind.

In diesem Text möchte ich mich aber auf die Leute konzentrieren, die sich dagegen wehren, dass ihre Organe nach ihrem Tod weiterverwendet werden. Dass Leute ihre Organe lieber verrotten lassen als sie jemandem zu überlassen, das hat verschiedene Gründe – und jeder dieser Gründe ist ziemlich dämlich.

Gewisse Leute behaupten beispielsweise, dass man nie genau sicher sein kann, wann bei jemand tatsächlich game-over ist, und man somit aus Sicherheitsgründen niemandem Organe entnehmen darf, egal, wie tot er bereits aussieht. Aber wie viele Jahrzehnte soll ein Koma-Patient auf dem kognitiven Niveau einer Kartoffel vor sich hinvegetieren, bis man ihn für tot erklärt? Ich weiss sogar, wie sich das anfühlt. Herausgefunden habe ich das nach einem mehrwöchigen Game-of-Thrones-Binge-Watching-Iron-Man-Marathon, bei dem ich 73 Episoden lang als Inbegriff einer Couchpotato auf dem Sofa lag, auf dem Bildschirm toxische Männlichkeit bewunderte und mich fragte, ob ich auch mal eine Topmodell-Ex-Pornostar-Prinzessin abbekommen würde wie die Draufgänger Kahl Drogo, Oberyn Martell oder Jon Snow, während ich mich von eingetrockneten Fischstäbchen-Resten ernährte, die ich von meinem Pyjama abkratzte, und in meine Erwachsenenwindeln machte. Glaub mir, auf dem Niveau einer Kartoffel zu vegetieren klingt geiler als es ist.
Das Problem ist, dass wir Menschen am Leben hängen wie Charlie Sheen an der Flasche. Wir können nicht loslassen. In Schweizer Spitälern liegen bestimmt noch Verwundete aus der Schlacht am Morgarten, die als Scheintote darauf warten, bis ihre Nachkommen in einem Anfall von Barmherzigkeit die Maschinen abstellen lassen, die sie seither am Leben erhalten. Hätte man den Ötzi in der Schweiz gefunden, hätten wir diese Gletschermumie aus der Jungsteinzeit auch noch eine Woche lang versucht zu reanimieren, bis wir ihr endlich wieder ihrer Totenruhe gegönnt hätten.

Bis ins 20. Jahrhundert galt man als gestorben, wenn das Herz aufhörte zu schlagen und man nicht mehr atmete. Heute gilt man als tot, wenn die Gesamtfunktion des Grosshirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms endgültig ausgefallen ist und der Hirntod festgestellt wurde. Um den Hirntod festzustellen, muss man nicht unbedingt medizinisch geschult sein. Man muss die Person nur fragen, ob sie Lust hätte, bei einer Talkshow auf RTL aufzutreten. Falls sie bejaht, ist sie definitiv hirntot.

Ich habe noch weitere zuverlässige Methoden, um herauszufinden, ob ein Körper tot oder lebendig ist. Ziemlich sicher kann man jemanden als tot erklären, wenn er sich weniger bewegt als ein Mitarbeiter bei der Fluggesellschaft Iberia, übler riecht als die faulen Ausreden der Iberia für ihre Inkompetenz oder er bereits länger künstlich am Leben erhalten wird als das gute Image der Iberia. Auch diese Methoden sind totsicher, glaub mir. Deshalb gibt es ab diesem Zeitpunkt keine Ausreden mehr, seine Organe zu behalten. Da wir uns nun darauf geeinigt haben, ab wann eine Person tot ist, können wir uns nun anderen Aspekten einer Spendenverweigerung widmen.

Es gibt Leute, die haben Angst davor, dass der Staat plötzlich über die Körper seiner Mitbürger verfügt. Wenn plötzlich alle Bürger zu wandelnden Organ-Anhäufungen degradiert werden, an denen man sich nach dem Tod bedienen kann, dann werden angeblich plötzlich Ansprüche laut. Man darf nicht mehr rauchen, weil man plötzlich nicht nur seine Lunge kaputt macht, sondern auch die eines potenziellen Empfängers. Diese Angsthasen kann ich beruhigen: Die Politik, alles zu verbieten, was in irgendeiner Form mit Spass und Genuss zu tun hat, ist schon in vollem Gang. Oder wann hast du zum letzten Mal im Familienrestaurant eine kokainhaltige Cola getrunken und eine aromatische Zigarette genossen?

Andere Skeptiker wiederum äussern die Sorge, dass Organtransplantations-Turbos dafür sorgen, dass plötzlich in der ganzen Schweiz Menschenfarmen eröffnet werden, in denen man Organe züchtet, um diese für ein Vermögen an Spitäler zu verkaufen. Auch dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Ein Linker würde sagen, Hauptsache keine Massenmenschenhaltung und faire Löhne für die Angestellten, ein Grüner ist froh, dass man keine Organe aus der dritten Welt über die Meere zu uns fliegen muss, ein Liberaler würde es begrüssen, dass der freie Markt die Nachfrage nach Organen befriedigt und ein SVPler wäre davon begeistert, dass wir Organe für Schweizer Patienten im Inland züchten. Die Politik wird eine Lösung finden, wie wir Organ-Plantagen so regulieren können, dass alle damit leben können.

Andere Menschen weigern sich ihre Organe für einen guten Zweck zu spenden, weil sie das nicht mit ihrer Menschenwürde vereinbaren können. Menschenwürde? Sind wir nicht die Spezies, die Hühner in Legebatterien hält, auf Kinderspielplätzen Tretminen vergräbt, Snuff-Videos dreht, die Ozeane vergiftet und Jair Bolsonaro hervorgebracht hat? Jemand, der nach seinem Tod seine Organe nicht hergeben möchte, um einen Familienvater zu retten, sollte das Wort Würde schon gar nicht in den Mund nehmen dürfen. Diese Leute bringen auch gerne das Argument, dass Menschen kein Ersatzteillager sind und ihre Körper kein Selbstbedienungsladen. Dem stimme ich auch zu – solange die Körper am Leben sind. Aber nach ihrer Logik darf man ein eingestürztes Ersatzteillager oder ein in Konkurs gegangener Selbstbedienungsladen nicht anfassen und ja nichts daraus retten, was man in irgendeiner Form noch brauchen kann. Das nennt man Verschwendung.

Andere Leute wiederum glauben tatsächlich, dass sie ihre Organe im Jenseits brauchen. Das sind normalerweise die religiösen Spinner, die keine Mühe damit haben, zu Ehren ihres Gottes einer Ziege auf dem Opferaltar den Kopf abzuhacken und diese dann konsequenterweise für den Rest der Ewigkeit kopflos durchs Jenseits irren zu lassen.

Aber abgesehen von diesen abartigen Gründen gibt es noch eine andere Erklärung dafür, warum es in der Schweiz weniger Organspender als Recherche-Journalisten in der Redaktion von 20-Minuten gibt. Mit unserer aktuellen Gesetzeslage muss man offiziell erklären, dass man seine Organe im Falle seines Todes zur Transplantation freigibt. Das ist ungefähr so bescheuert, wie wenn man zuerst eine Lizenz lösen muss, bevor man jemandem Nothilfe leisten, seiner betagten Nachbarin die Taschen das Treppenhaus raufschleppen oder der Mutter zeigen darf, wie man auf Facebook pro Tag weniger als 12‘328 Fotos von der gleichen Blume posten kann.

Jetzt steht der Vorschlag im Raum, dass man zu Lebzeiten festhalten muss, wenn man seine Organe nicht spenden lassen möchte. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ich würde noch viel weiter gehen. Man soll nicht einfach irgendwo auf einem Dokument ein Kreuzchen machen, um seinen Willen zu äussern, dass man seine Körperteile nicht teilen möchte. Nein. Man muss es den Leuten schwer machen. Wenn man wirklich im Ernst glaubt, dass man seine Nieren nach dem Tod noch braucht, durch das Spenden die Menschenwürde verletzt wird oder Organtransplantationen Gottes Masterplan durchkreuzen und den Sensenmann sauer machen, dann nimmt man sich auch die Zeit, das zu verhindern. Das Prozedere muss ungefähr so kompliziert und mühsam sein, wie auf der Website einer Krankenkasse herauszufinden, wie man von ihr das versprochene Geld für seine Fitness-Abos zurückverlangen kann. Kafka lässt grüssen.

Ich finde, dass wenn eine Person ihre Organe nicht spenden möchte, sie ihren absurden Willen mit einer wissenschaftlichen Arbeit von mindestens 100‘000 Zeichen untersuchen muss. Die Arbeit besteht aus Deckblatt, Inhaltsverzeichnis, Einleitung, Hauptteil, Fazit und Literaturverzeichnis. Die Arbeit muss sich auf dem aktuellen Forschungsstand der Biologie, Soziologie und Philosophie bewegen und stilistisch höchsten Ansprüchen genügen. In der ganzen Arbeit dürfen die Buchstaben M, O, R, A und L nicht verwendet werden. Dann muss die Person von sich ein Video aufnehmen, in dem sie in Unterwäsche ihre Arbeit in allen vier Landessprachen vorträgt. Diese Videobotschaft wird bei ihrer Abdankung der versammelten Trauergemeinde vorgespielt. Und zwar als Ersatz für eine sentimentale Nachrede von einem direkten Angehörigen, der womöglich nur gute Sachen über die verstorbene Person erzählen und sie womöglich als grosszügig und liebenswert darstellen möchte. Ich glaube, mit diesem Ansatz kann man ganz viele Leute dazu motivieren, mit ihren Organen nicht so knauserig umzugehen.

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